8. Jhd.: Merseburger Zaubersprüche

Grundlegendes

Das erste Werk ist das früheste bekannte Zeugnis deutscher Literatur aus dem 8. Jahrhundert, verfasst in althochdeutsch. (Man sollte mit dem Begriff „deutsch“ in diesem Fall jedoch vorsichtig sein, denn zu jener Zeit gab es weder ein Deutschland noch eine Form von einheitlicher Sprache; dennoch gehört es zum Althochdeutschen¹). Es handelt sich hierbei um zwei Sprüche. Im ersten befreien germanische Götter Gefangene und im zweiten wird ein Pferd geheilt – später mehr dazu. Interessant ist, dass es metrische und stilistische Besonderheiten aufweist. Es werden Stab- und Endreime verwendet sowie eine Silbenzahl, die durch eine Art „magische Dreizahl“ strukturiert ist.

Im Mittelalter, besonders im Frühmittelalter, wurde vorwiegend auf latein geschrieben. Auch dies ist ein Grund, wieso nur so wenige Erzeugnisse in deutscher Sprache vorhanden sind. Es gibt jedoch einige Texte, die von Mönchen in Klostern auf deutsch niedergeschrieben wurden (in Schreibstuben haben Mönche als einzige Literatur angefertigt und Bibliotheken aufgebaut – dies nur als kurzer Abriss). Die Merseburger Zaubersprüche sind aus nichtschristlicher Zeit und waren germanische Dichtungen, die mündlich überliefert wurden. Die von Mönchen verfasste Handschrift stammte aus dem 10. Jahrhundert.

 

Inhalt

In den Merseburgern Zaubersprüchen (Verfasser unbekannt) geht es um Gottesanrufungen. Im ersten Spruch lösen die Idisen (gemeint sind wohl germanische Schlachtjungfrauen) die Fesseln von Gefangenen. Im zweiten wird ein Pferd geheilt, welches einer göttlichen Reisegruppe angehört und sich verletzte. Und da der Text so kurz ist hier abgetippt (die Version sowie die Übersetzung stammen von Stephan Müller – siehe Fußnoten):

Merseburger Zaubersprüche

Wir haben hier also die Idisen (germanische Gottheiten), die offenbar in einer Schlacht zu Hilfe waren und „an Fesseln klaubten“ (=Fesseln lösen). Dadurch konnten die Gefangenen entkommen.

Un als zweites wird von Phol berichtet. Hierüber gibt es keinerlei Information. Wodan hingegen ist der germanische Gott Wotan (laut Rudolf Simeks Lexikon der germanischen Mythologie, gefunden auf Wikipedia, auch Odin genannt und hier der „Göttervater, Kriegs- und Totengott, als ein Gott der Dichtung und Runen, der Magie und Ekstase mit deutlich dämonisch-schamanischen Zügen“). Balder ist ein Gott, dessen Name lediglich im Norden belegt ist. Interessanterweise reitet dieser auf keinem ausgewachsenen Pferd, sondern einem Fohlen (auch als Esel zu verstehen). Laut Müller gibt es in der Forschung verschiedene Ansichten zu der Reitszene. Es wird hinterfragt, wieso der unbekannte Phol mit dem äußerst bekannten Wotan/Odin gemeinsam reitet. Es gibt aber auch die Ansicht, dass Phol gar kein Gott sei, sondern durch die Nähe zu „folo“=“Fohlen“ vielmehr für das Pferd von Wotan stehe. Wieder eine andere Ansicht besagt, dass das Stolpern des Fohlens analog ein „Wink auf die Endzeit, vor der die anderen Götter die Welt bewahren“ sei.
Sinthgunt und Sunna sind beide nicht belegt.
Friia ist vermutlich die germanische Göttin der vegetativen Fruchtbarkeit Freya.
Volla könnte Fulla sein. Sie solle wohl wegen der lautlichen Analogie Phol als Partner zugeordnet werden. – Was damit jedoch genau gemeint ist, weiß ich nicht.

 

Eindrücke

Ich war beim Lesen etwas enttäuscht. Ich hatte mehr Text erwartet und aus irgendeinem Grund auch anderen Inhalt. Ich finde es interessant, dass es für mich eigentlich gar keine Zaubersprüche sind. Ich hätte erwartet, dass Wunden durch Zaubersprüche geheilt würden oder ähnliches, aber es sind vielmehr Gebete. Wieso nennt man sie also „Zaubersprüche“?

Ich habe außerdem versucht, den Text im Original zu lesen, allerdings ist althochdeutsch doch äußerst schwer. Mittelhochdeutsch wird einem jeden Leser einfacher fallen, wie wir später merken werden. Man braucht nur etwas Übung und Erfahrung und hier und da ein Wörterbuch. Hier musste ich jedoch so ziemlich komplett auf die Übersetzung zurückgreifen. Das hat mich etwas verärgert, denn ich wollte möglicht selbstständig die Texte lesen. Andererseits ist mir durch die Übersetzung, verglichen mit dem Original, auch wieder aufgefallen, dass die meisten Wörter unserer Sprache ihren Ursprung im germanischen und somit im althochdeutschen haben oder aber durch Entlehnungen. Zum Beispiel dürfte es einem ziemlich leicht fallen, „holza“ als „Wald“ zu interpretieren. Oder wieso in manchen Dialekten Wörter zu finden sind, die sich vermutlich erstmal nicht erklären lassen. „klauben“ im Sinne von „etwas aufheben“ oder auch „etwas pflücken/etwas von etwas ablösen“ steht im 2. Zauberspruch („clubodun“) für die Fesseln lösen.

Im Großen und Ganzen war es jedoch spannend, etwas aus vorchristlicher Zeit zu lesen und in sprachhistorischer Hinsicht Vergleiche anstellen zu können. Ich hoffe, dass auch ihr etwas davon hattet. Was sind eure Gedanken dazu? Teilt sie mir in den Kommentaren mit!

978-3-15-018491-2Genehmigung zur Nutzung des Buchcovers (da diese der Genehmigungspflicht unterliegen) freundlichst erteilt von Reclam jun. Verlag GmbH. Eine Weiterverwendung dessen ist somit untersagt und bedürfte der Genehmigung des Verlags.

¹ Allgemein bezeichnet man hiermit die deutsche Sprache in der Zeit vom 8. bis etwa 11. Jahrhundert. Das „hoch“ in „althochdeutsch“ meint hier sprachgeographisch den Gegensatz zu Niederdeutsch. Im 7./8. Jahrhundert setzt eine Lautverschiebung ein. Es phonetische Änderungen bei Konsonanten und Vokalen; bei weiterem Interesse lassen sich mittels Suchmaschinen vieles finden. Diese Lautverschiebung jedenfalls vollzog sich von Süden nach Norden und stoppte vorerst an der sogenannten Benrather Linie; der Norden blieb also unberührt. Jetzt mag man sich wundern, wieso „Niederdeutsch“ dann den Norden bezeichnet. Müsste es nicht umgekehrt sein? Gemeint ist mit „Hoch“ und „Nieder“ jedoch Hochgebirgslandschaften – also der Süden – sowie Flachebenen – also der Norden.


Müller, Stephan (2007): Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie. Reclam, Stuttgart. S. 269-271, S. 391-394.

Rötzer, Hans Gerd (2010): Geschichte der deutschen Literatur. Epochen – Autoren – Werke. 2. veränderte und erweiterte Auflage. C.C. Buchner, Bamberg. S. 11-12.

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2 Kommentare zu „8. Jhd.: Merseburger Zaubersprüche

  1. Ich hatte, ebenso wie du, auch ein wenig mehr „Magie“ erwartet, aber vielleicht liegt die auch in den Taten der Götter? Immerhin wird ja nicht genau genannt, wie die Idisen die Fesseln lösen. Was ich unglaublich schade finde ist, dass so viele Informationen über die Jahre und Jahrhunderte verloren gehen. Wer oder was könnte Phol wohl gewesen sein?

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, die „Magie“ wird wohl von den Göttern ausgehen. Man denkt bei Magie und Zauberei wohl eher an Harry Potter-isher Zauberei vom Anwender ausgehend^^

      Phol ist eine ungeklärte Figur. Leider ist, soweit ich weiß, nur in diesem Spruch der Name benannt und sonst nirgends, weshalb man ihn nicht einordnen kann. Einige Wissenschaftler sehen ihn als weiteren Gott, andere glauben eher nicht, dass es ein Gott ist. Leider also unklar.

      Gefällt 1 Person

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