Barock: „Der abenteuerliche Simplicissimus“ – Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Vorab

Wir haben nun das Mittelalter hinter uns gelassen und widmen uns den Literaturepochen; in diesem Fall dem Barock.
Das 17. Jahrhundert ist von dem Dreißigjährigen Krieg gezeichnet. 1618 begonnen, wurde das zuvor nach Kaiser Karl V. zersplitterte Reich aufgrund von Territorialstreitigkeiten, Städteentmachtungen und Weiteres mit Krieg überzogen. Die Folge: Kaum Wirtschaft, Seuchen und Krankheiten sowie politische und religiöse Wirren.

Dennoch wurde in dieser Zeit relativ viel geschrieben – mehr als in einigen Jahrhunderten davor. Bedingt durch das „Nebeneinander von extremer Lebensfreude und Weltabkehr“, wie Rötzer schreibt, wurde die deutsche Literatur umfassend verändert.
Die Lyrik wurde gerade unter Martin Opitz mit dem „Buch von der teutschen Poeterey“ von 1624 (die lateinische Dichtungslehre sollte aufs Deutsche übertragen werden, da nach antiker und humanistischer Sichtweise, die Poetik ein Teil der Rhetorik war), aber auch von seinen Kollegen sowie Andreas Gryphius oder Hofmannswaldau, stark versteift. Strenge Regelsysteme eben. (Das soll nicht heißen, dass es nicht auch Ausnahmen gab, aber das Gros der Literatur zu dieser Zeit fällt darunter; Ausnahmen wären zum Beispiel Volkslieder oder Gedichte von Johann Christian Günther, welche im Sturm und Drang begeistert aufgenommen wurden).

Aufgrund der religiösen Unsicherheiten wurde auch auf literarischer Ebene dazu geschrieben. Das sogenannte gelehrte Drama „Jesuitendrama“ beschäftigte sich mit dem rechten Glauben  – auch in Theaterform.

Nachdem der Roman im Spätmittelalter langsam Einzug erhielt, war er auch im Barock neben den Gedichten sehr beliebt. Die Auseinandersetzung mit dem Dreißigjährigen Krieg, welche Sünden und Grausamkeiten begangen wurden, wurden einem Idealbild der Welt, wie sie sein sollte, entgegengesetzt. Somit hatte man zwei Richtungen in den Romanen: Idealvorstellungen in höfisch-historischen Romanen VS Widersprüchen in diesen Idealbildern im Schelmenroman.
Bekanntester Vertreter des Letzteren ist der Simplicissimus von Grimmelshausen.

Eine Info zu der Bezeichnung „Barock“: Diese Epoche wurde erst nachträglich so genannt. Woher es kommt und es bedeutet, weiß man nicht genau. Es könnte aus dem Portugiesischem kommen und eine Perle mit unregelmäßiger Oberläche bedeuten, was die Wirren dieses Jahrhunderts widerspiegeln könnte.

 

Inhalt

Während des Dreißigjährigen Kriegs lebt ein Junge ohne Namen, der seine Familienmitglieder ebenfalls ohne Namen anspricht, auf einem Bauernhof im Spessart und fristet sein Dasein bis Soldaten den Hof plündern. Der ungebildete und weltfremde Junge flieht in den Wald, wird von einem Einsiedler aufgenommen und in christlichen Werten sowie Lesen und Schreiben gelehrt. Nachdem dieser starb macht sich der Junge, der sich fortan „Simplicii Simplicissimus“ nennt, zieht Simplicissimus fort.
Zwar in gewisser Art gebildet und gottesfürchtig und -kundig aber eben immer noch unwissend und schlichtweg – seien wir ehrlich – strohdoof kommt er an einen Hof und wird Page. Neben seinen Pagentätigkeiten dient er auch als Narr und manche Späße gehen auf sein Konto. Seine Blauäugigkeit ist größer als bei jeden seiner Mitmenschen und seine Christlichkeit übertrifft jeden Pfarrer.

Im Laufe der Zeit, in der er auch vom Hof wegkommt und als Soldat in verschiedensten Armeen dient, wandelt sich sein Narrendasein. Durch seine Bildung vom Einsiedler wird er während seines Soldatentuns (nachdem er gefangen genommen wurde) gefördert und durch eigenen Tatendrang und Wissensdurst immer gebildeter und gewiefter.
Um es kurz zu machen: Der Krieg lässt ihn an verschiedensten Orten unter verschiedensten Flaggen Dienst tun und selbst fortbilden. Während er militärisch aufsteigt, erhält er sein reigenes Regiment und wird als „Jäger von Soest“ bekannt und gefürchtet. Vom Gutmenschen mit Rosabrille wandelt er sich so zum plündernden, geldgierigen, kaltblütigen Soldaten. Er und seine Männer stehlen, morden und übervorteilen wo sie nur können.
Er gerät irgendwann in schwedischer Gefangenschaft, gibt sich als „Jäger von Soest“ zu erkennen und wird in schwedische Dienste gestellt. Im Zuge dessen kommt er nach Lippstadt wird dort durch seltsame Umstände vermählt. Um zuvor versteckte Beute aus Köln holen zu können, bricht er auf und (hier greife ich vorweg) kommt nie wieder zurück. Allerdings wurde er hintergangen. Letztlich kommt er nach Frankreich. Auf seinen Reisen begegnet er einen früheren Weggefährten, den er beinahe getötet hätte – Olivier – doch dieser erkennt ihn nicht als „Jäger von Soest“. Sie reisen von nun an zusammen und lernen sich näher kennen. Beide rauben zusammen und schlagen sich so durch die Zeiten hindurch. Bei einem Raubzug geht jedoch etwas schief und Olivier stirbt. Simplicissimus nimmt sein Geld an sich und reist mit seinem „Herzbruder“, wie sein anderer Gefährte seit Kriegstagen genannt wird, weiter. Der Herzruder erkrankt und beide begeben sich, nun der Frömmigkeit verschrieben, was jedoch nicht lange anhalten wird, an einen Kurort. Sein Freund stirbt.
Daraufhin bendelt Simplicissimus mit Frauen an und verlobt sich ein zweites Mal und gelangt so an ein Hof. Im selben Ort trifft er seinen Vater wieder, der überlebt hatte, und erfährt, dass sein richtiger Rame „Melchior Sternfels“ lautet und wie er zu seinen nicht-leiblichen Eltern als Kleinkind gekommen war.

Er bricht abermals seine Zelte ab und zieht davon. Er erfährt von einem sonderbaren See, begibt sich dorthin und wird plötzlich in unwirkliche, regelrecht magische, Geschehennisse verstrickt. Seltesame Wasserwesen unter dem See, „Sylphis“, zeigen ihm ihre Welt. Am Ende erhält er eine Art Saat für einen magischen Brunnen, der immer Wasser aus deren Welt fördern solle. Diese Saat säht er auch aus, allerdings unglücklicherweise ungewollt an einem Ort, an dem er nicht bleiben wird.
Er begibt sich durch ein verlockendes Angebot auf Reise nach Moskau, erkennt jedoch, dass er wieder hintergangen wurde. Durch weitere Länder hindurch (er unternimmt quasi eine halbe Weltreise) gelangt er (nach einem seltsamen Abschnitt, der von Luzifer und seinen Gesprächen mit Untertanen der Hölle handelt) nach Ägypten. Durch einen Überfall gerät er in Gefangenschaft. Nach einiger Zeit wird er von europäischen Kaufleuten gerettet. Per Schiff wollen alle wieder heimreisen, allerdings werden sie schiffsbrüchig. Simplicissimus landet mit einem Gefährten auf einer einsamen Insel und lebt dort über Jahre hinweg. Zusammen „dienen sie Gott“ und beten, stellen Kreuze mit Inschriften auf usw. Irgendwann stirbt auch dieser Gefährte. Simplicissimus bleibt allein auf der Insel zurück. Er beginnt das aufzuschreiben, was er erlebt hat – im Endeffekt das, was wir Leser bisher alles gelesen haben.

Irgendwann taucht ein holländisches Schiff auf. Sie finden die Kreuze, Simplicissimus und auch sein Aufgeschriebenes. Der Kapitän, Joan Cornelissen, schreibt seinen Text ordentlich ab und fügt den letzten Abschnitt des Buches hinzu, den wir Leser aus der Sicht des Kapitäns lesen.
Am Ende kommt es so, dass Simplicissimus auf der Insel „S. Helenae“ auf Wunsch allein bleibt und die Holländer ohne ihn weiterfahren.

 

Eindrücke

Was soll man von dem „abenteuerlichen Simplicissimus“ halten? Als ein „nach den spanischen Schelmenromanen inspiriertes“ Buch wie der Buchrücken meiner Ausgabe verspricht würde ich es nicht sehen. Gerade am Anfang finden sich Anklänge an der Tradition der Schelmenromane, aber mehr meiner Meinung nach auch nicht.
Eine Beschäftigung mit dem 30jährigen Krieg und die Darstellung der Grausamkeiten zu dieser Zeit, wie ich vor dem Lesen bei meiner Recherche oft gelesen hatte, ist es ebenfalls eher weniger. Man erfährt von Nöten, von dem Krieg selbst, von einzelnen Schicksalen und natürlich davon, was der Krieg mit dem ursprünglich gutherzigen Simplicissimus macht; aber eine Beschäftigung mit dem Thema auf irgendeiner tieferen Ebene sucht man vergebens.

Was also ist das für ein Buch? Vielleicht fehlt mir immer noch zu wenig Hintergrundwissen, aber wieso es so bekannt wurde weiß ich nicht. Es ist definitiv „abenteuerlich“; es passiert so viel und Simplicissimus ist ein Charakter, der sich stark hin und her wandelt. Das kann durchaus interessant sein. Tatsächlich finden sich viele Stellen, an denen man die Charaktere als Leser hinterfragt und sich so seine Gedanken zu Religion und der Moral der Menschen macht.
Aber ansonsten ist es literarisch nicht kunstvoll geschrieben, es ist aus narrativer Sicht auch nicht sonderlich clever und eine gezielte Botschaft, die den Leser belehren soll gibt es auch nicht (auch wenn sich Dinge herauslesen lassen; aber es gibt kein zentrales Thema). Und dann diese „magischen“ Passagen mit der Welt unter dem See und der Textstelle mit Luzifer…darauf konnt ich mir keinen Reim machen. Das alles soll jetzt nicht heißen, dass dieses Werk keine Art von Daseinsberechtigung hätte. Doch ich kann auch nicht sagen, was hieran so besonders ist.
Im Vergleich zum mittelalterlichen Iwein zum Beispiel, war der Iwein immerhin mit zentralen Motiven versehen und auch aus literarischer Sicht kunstvoll verfasst; Simplicissimus hingegen scheint mir einfach Prosa aus dem 17. Jahrhundert zu sein. Prosa ist natürlich nicht „schlecht“, aber dieser Roman kann für mich nicht mit viel aufwarten.

Aber wieso kann er das nicht? Für mich fehlt eine eindeutige Positionierung. Damit meine ich, dass das, was man aus dem Roman lesen kann (reale Missstände des 30jährigen Krieges; Gegensatz zur anderen literarischen Richtung des Barock mit ihren Idealvorstellungen), nicht stark genug ausgeleuchtet wird. Vielleicht hat man es zu Zeiten des Barock anders gelesen. Dazu kann ich leider nicht viel sagen. Mir ist es jedoch zu wenig.

Ansonsten war es für mich durchaus interessant, den bekannten Grimmelshausener „Simplicissimus“ zu lesen. Ich denke, dass man hier beim Lesen immer den geschichtlichen Hintergrund im Kopf haben sollte. Dann erkennt man dort gemacht Aussagen zwischen den Zeilen und kann das Werk in einen Kontext setzen.
Zudem haben wir hier den Übergang von den Anfängen des Wegbewegen des Mittelalters mit ersten Romanen hin zu eindeutigen Veränderungen in Literatur und (westlicher) Weltordnung. Die nächste Epoche, die Aufklärung, dürfte also spannend werden!

 


Rötzer, Hans Gerd (2010): Geschichte der deutschen Literatur. Epochen – Autoren – Werke. 2. veränderte und erweiterte Auflage. C.C. Buchner, Bamberg. S. 52-63.

Von Grimmelshausen, Hans Jakob Christoph (2017): Der abenteuerliche Simplicissimus. Anaconda Verlag, Köln.
(Textgrundlage: Erstdrucke vom ‚Simplicissius Teutsch und der Continuatio‘ von 1668/69 in der Reihe ‚Neudrucke deutscher Literaturwerke des XVI. und XVII. Jahrhunderts‘. Niedemeyer, Tübingen 1954; Niemeyer, Halle an der Saale 1939.)

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12 Kommentare zu „Barock: „Der abenteuerliche Simplicissimus“ – Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

  1. Stilistisch kunstlos, ohne roten Faden, eher Fade Reihung drastischer Ereignisse – sehe ich ähnlich. Dennoch schien mir beim Hören beider Werke, dass motivisch und in der Handlung einige Parallelen des Simplizissimus zu Wolframs Parzival bestehen.

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    1. Dein erster Satz fasst es wunderbar zusammen!
      Aber welche Parallelen wären es? Der Parzifal ist klassische Gralsliteratur und wesentlich gezielter als Simplicissimus. Hinsichtlich Ablauf der Handlung würde ich dir aber schon zustimmen. Doch bei dem Motivischem bin ich mir nicht sicher.
      Aber mich würde sehr interessieren, wie das gemeint war 🙂

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      1. Auszug des Helden, beratschlagung, Verhältnis zur Mutter usw, natürlich immer ins Schmutzige gewendet. Ist lang her dass ichs gelesen hab, aber das hab ich ergoogelt: https://jogustine.uni-mainz.de/scripts/mgrqispi.dll?APPNAME=CampusNet&PRGNAME=COURSEDETAILS&ARGUMENTS=-N000000000000001,-N000578,-N0,-N341485201130164,-N341485201153165,-N0,-N0,-N0

        Sowie: „ine zweite Studie greift den forschungsgeschichtlich alten Vergleich zwischen Simplicius und Parzival in neuer Weise auf, indem sie die augenfälligen Parallelen zwischen Grimmelshausens Roman und dem Epos Wolframs von Eschenbach auf eine beiden Texten gemeinsame strukturelle Ebene zurückführt, aufgrund derer nicht nur Entsprechungen, sondern gerade auch Abweichungen im Bereich der Motivik erklärbar werden.“

        («Vom Unverstand zum Verstand durchs Feuer»: Studien zu Grimmelshausens „Simplicissimus Teutsch (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700))

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    1. 😀 hehe. Ja, ich verstehe, dass die Sprache etwas stören kann. Ich für meinen Teil habe mich relativ schnell daran gewöhnt. Aber ich habe ja auch nicht nur einen Ausschnitt gelesen.

      Mich würde interessieren, was dich daran so begeistert hat. Ich fand, wie geschrieben, das Ganze nämlich nicht total desaströs, aber begeistert war ich jetzt auch nicht 🙂

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      1. Mich hat es einfach immer wieder zum Schmunzeln gebracht. Nun muss man natürlich sagen, daß ich es, wie erwähnt, in modernem Deutsch gelesen habe und auch jeden Tag nur ein paar Seiten, so daß ich nie von all dem überwältigt wurde.
        Es hat mich sehr an „Baudolino“ von Umberto Eco erinnert, vermutlich wird es dafür auch als Inspiration gedient haben. 😉

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